Die Peak Pose dieser Stunde ist Skandasana, der tiefe seitliche Ausfallschritt. Das Herzensthema dazu heißt: Vielleicht gibt es noch einen anderen Weg.
Patanjali beschreibt in Yoga Sutra II.33 pratipaksha bhavanam: Wenn uns Gedanken oder Haltungen in eine unheilsame Richtung führen, können wir bewusst eine andere, entgegengesetzte Perspektive kultivieren. Wir müssen nicht jeden Gedanken glauben, nur weil er zuerst auftaucht.
Der Weg, den wir noch nicht gesehen haben
Vielleicht kennst du diese Situationen: Du stehst vor einem Problem und denkst „Es geht einfach nicht.“ Oder „Ich kann das nicht.“ „Dafür bin ich nicht beweglich genug.“ „So bin ich eben.“ „Das wird sowieso nichts.“
Und das Interessante ist: In diesem Moment fühlt sich der Gedanke nicht wie eine mögliche Perspektive an. Er fühlt sich an wie die Wahrheit. Yoga lädt uns dazu ein, zwischen uns und diesen ersten Gedanken ein kleines bisschen Raum zu bringen. Denn vielleicht lautet die Frage gar nicht: Ist dieser Gedanke wahr oder falsch? Sondern: Gibt es noch eine andere Möglichkeit, diese Situation zu betrachten?
Stell dir vor, du wanderst durch einen Wald. Du kommst an eine Stelle, an der dein gewohnter Weg plötzlich versperrt ist, ein Baum liegt quer. Dein erster Gedanke: Hier geht es nicht weiter. Wenn du aber stehen bleibst und dich umschaust, entdeckst du vielleicht rechts einen kleinen Pfad. Oder links eine Möglichkeit, um den Baum herumzugehen. Vielleicht musst du sogar ein paar Schritte zurückgehen, um einen anderen Weg zu finden. Das Ziel hat sich nicht verändert, nur der Weg dorthin.
Und manchmal ist das auch im Leben so. Wir halten so sehr an einer Vorstellung davon fest, wie etwas funktionieren sollte, dass wir die anderen Möglichkeiten gar nicht mehr sehen.
Pratipaksha Bhavana in der Praxis
Für unsere Praxis können wir Pratipaksha Bhavana als die Fähigkeit verstehen, einem hinderlichen Gedanken bewusst eine andere Perspektive entgegenzustellen. Das ist ausdrücklich nicht „alles ist toll“. Es ist etwas viel Leiseres:
- Nicht „Es geht nicht“, sondern „Es ist schwierig, und ich kann trotzdem einen nächsten Schritt finden.“
- Nicht „Ich kann das nicht“, sondern „Ich kann es vielleicht noch nicht auf diese Weise.“
- Nicht „Meine Balance ist heute schlecht“, sondern „Mein Körper zeigt mir heute, dass ich anders arbeiten darf.“
Das mag ich an diesem Herzensthema besonders: Es erzeugt weder Leistungsdruck noch künstliche Positivität.
Warum Skandasana so gut dazu passt
Skandasana ist eine Haltung mit vielen Wegen. Ein Bein beugt tief, das andere streckt sich seitlich aus, die Ferse dreht auf, das Becken sinkt. Für manche Körper ist der Weg über den Block unter dem Gesäß, für andere über die aufgestellte Hand, für andere über einen weniger tiefen Winkel. Es gibt hier keine einzige richtige Form, und genau das macht sie zur perfekten Lehrerin für dieses Thema: Wenn ein Weg versperrt ist, gibt es einen anderen.
Die Haltung fordert Hüftöffnung, Beweglichkeit der Adduktoren und Sprunggelenke, Kraft im Standbein und Balance in der Tiefe. Wir bauen sie mit Anusara-Prinzipien Schritt für Schritt auf, mit Hilfsmitteln und Varianten, sodass du auf deinem eigenen Level dieselbe Erfahrung machen kannst.
Dein Sankalpa für diese Stunde
Wähle einen Satz, der dich durch die Praxis trägt:
- „Ich öffne mich für neue Möglichkeiten.“
- „Ich muss nicht am ersten Weg festhalten.“
- „Zwischen Reiz und Reaktion schaffe ich Raum für eine neue Möglichkeit.“
Und als wiederkehrender Gedanke während der ganzen Stunde: Welche Aussage über dich selbst hast du heute vielleicht schon gedacht? Ich bin müde. Ich bin gestresst. Ich bin unbeweglich. Ich kann heute nicht balancieren. Nimm diesen Gedanken einfach wahr. Und dann füge ganz leise hinzu: Vielleicht gibt es noch eine andere Perspektive.
Diese Stunde erleben
Wenn du üben möchtest, wie es sich anfühlt, den zweiten Weg zu finden, komm in eine meiner Anusara-Yoga-Stunden in Regensburg. Sie sind für alle Levels geeignet, und für jede Haltung gibt es mehr als einen Weg.
